Beruf ist Beruf und privat ist privat. Diese Aussage hören wir immer wieder. Es stellt sich die Frage: Ist das wirklich trennbar? Können wir unser Leben und unsere Bedürfnisse wirklich so auseinander dividieren?

Wir sind Menschen und als solche soziale Wesen. Ohne Verbundenheit zu anderen Menschen würden wir erkranken und sogar sterben. Verbundenheit ist eines der Grundbedürfnisse, die wir haben. Deshalb sollten wir auch dafür sorgen, dass es gedeckt wird. Warum nicht auch in der Arbeit? Schließlich verbringen wir doch mehr Stunden dort als mit anderen Menschen. Außerdem bleiben unsere Bedürfnisse gleich, egal ob zu Hause, im Verein, bei einer ehrenamtlichen Tätigkeit oder im Beruf. Wir sind ja auch in all diesen Situationen dieselben Menschen. Und eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit ist durch die neuen digitalen Medien doch oft gar nicht mehr gegeben. Überdies beeinflusst die Arbeit das Privatleben, sowohl positiv als auch negativ.


Arbeitsfreundschaften – was sie können und wie sie wirken

Im Rahmen einer Studie mit 2000 Manager*innen und Mitarbeitenden in
10 verschiedenen Ländern von Future Workplace wurde herausgefunden, dass jeder zehnte Mensch keine Freunde in der Arbeit hat. Erschreckend und gleichzeitig sehr schade, denn für unseren langfristigen beruflichen Erfolg sind Arbeitsfreundschaften der Schlüssel dazu. Menschen, die das Miteinander am Arbeitsplatz pflegen, tragen zur Steigerung der Produktivität bei. Sie fühlen sich wohler, sind dadurch engagierter und leisten qualitativ hochwertige Arbeit.

Nicht zu unterschätzen ist auch der Gesundheitsaspekt. In einer Studie wurden berufstätige Menschen über 20 Jahre lang begleitet. Das Ergebnis: Weder die Umgebung, noch das Verhalten der Führungskräfte tragen so maßgeblich zur Gesundheit bei, wie Arbeitsfreundschaften. Sie sind das A und O. Sogar eine Auswirkung auf das Sterberisiko konnte nachgewiesen werden und war niedriger bei jenen, die gute Arbeitsbeziehungen pflegen als bei jenen, die wenig bis keine guten hatten.


Faktor Nr. 1 für ein glückliches Arbeitsleben

In einer Zeit, in der alles immer schneller und effizienter sein soll, leiden unsere Arbeitsbeziehungen oft. Der kurze Plausch am Gang ist kaum mehr möglich, wir hetzen von einem Meeting zum anderen. Unsere Termine sind eng getaktet und bieten somit kaum Möglichkeiten, kurz ein paar Worte zu wechseln. Das Mittagessen, das früher mit Kolleg*innen gemeinsam eingenommen wurde, findet oftmals direkt am Arbeitsplatz statt oder fällt ganz aus. Und sich nach Dienstschluss zusammenzusetzen, bei einem Glaserl Wein, Bier oder Kaffee ... wer macht das heute noch? Überstunden sind an der Tagesordnung und zu Hause wartet ein Partner oder eine Partnerin, Kinder, Eltern etc.

Dabei wurde festgestellt, wie wichtig Arbeitsfreundschaften für uns sind. 70 % der Angestellten sagten, dass Arbeitsfreundschaften für ein glückliches Arbeitsleben der wichtigste Faktor überhaupt sind.  


Team


Freunde am Arbeitsplatz geben Sicherheit und helfen, mit schwierigen Situationen oder mit Zeiten der Veränderungen besser umzugehen. Sie hören einander zu und zeigen andere Sichtweisen auf. Sie sitzen im selben Boot und verstehen berufliche Probleme oft besser, als es andere Freunde tun, die nicht im selben Unternehmen tätig sind. Dieser Zusammenhalt wirkt auch der Fluktuation entgegen. Denn, wenn man sich verstanden und „geliebt“ – im Sinne von wertschätzend und freundlichen behandelt – fühlt, steht man schwierige Zeiten (gemeinsam) besser durch.

Und auch Konflikte, die hin und wieder entstehen, wirken sich mit einem dementsprechenden Umgang positiv auf das Miteinander aus und bieten Potenzial zur Weiterentwicklung oder zum Entstehen neuer Ideen.

Doch Freundschaften entstehen nicht einfach nebenbei, auch im privaten Bereich nicht. Für Freundschaften brauchen wir Zeit. Zeit zum Kennenlernen, Zeit, um Vertrauen aufzubauen, Zeit um anderen wirklich zuzuhören, Zeit um für andere da zu sein, Zeit um Zeit miteinander zu verbringen.


Kooperation statt Konkurrenz

Vor fast genau fünf Jahren habe ich gekündigt und nach 29 Jahren das einzige Unternehmen verlassen, in dem ich, abgesehen von einer Ferialpraxis, je arbeitet habe. Die Entscheidung zu diesem Schritt hat mich in eine Krise gebracht. Nicht wegen dem Risiko einer selbstständigen Tätigkeit, sondern weil ich wusste, dass ich viele Beziehungen aufgeben musste.

Und das ist es auch, was ich am meisten vermisse. Meine ehemaligen Arbeitskolleg*innen. Um diese Lücke zu schließen, habe ich mich mit anderen selbstständigen Kolleginnen und Kollegen zusammengetan. Wir sehen uns zwar nicht täglich, aber das ist in vielen Firmen, wo das neue Arbeiten gelebt wird, ja auch nicht mehr zwingend gegeben.

Jedoch, wenn wir uns treffen profitieren wir voneinander. Und darüber hinaus haben wir Selbstständigen den Vorteil, dass wir uns die Kolleg*innen aussuchen können. Auch hier geht es nicht ganz konfliktfrei zu, aber immer sehr wertschätzend und mit einem sichtbar guten Ergebnis. Wir helfen einander, auch wenn wir nicht an einem Auftrag gemeinsam arbeiten. Es ist ein Geben und Nehmen, das uns letztendlich alle profitieren lässt. Kooperation statt Konkurrenz, obwohl man denken könnte, dass gerade das in der Selbstständigkeit schwieriger ist.

Das Geheimnis: Menschen kennen lernen, Erfahrungen sammeln, Projekte miteinander ausprobieren und zu reflektieren. Klar, nicht jede berufliche Beziehung wird zu einer Arbeitsfreundschaft - aber die, die man sich aufgebaut hat, sind von unschätzbarem Wert. Vertrauen, Respekt, Wertschätzung, Ehrlichkeit und Offenheit sind bei uns keine Worthülsen, sondern gelebte Realität, so wie auch im Umgang mit unseren „anderen“ Freunden.

Arbeitsbeziehung ist Beziehungsarbeit. Sie braucht Zeit, aber es ist die bestinvestierte Zeit überhaupt. Lieber auf etwas anderes verzichten, als auf gute Arbeitsfreundschaften.

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